Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 fühlen sich Amerikaner, aber auch viele Europäer, die in Ländern leben, in denen bereits Attentate stattgefunden haben, im eigenen Land bedroht.
„Sleeper Cell“ wurde von zwei Produzenten entwickelt – einem Juden und einem Protestanten, die, bevor sie das Drehbuch entwarfen, nicht viel über den Islam wussten. Wie konnten sie trotzdem eine der beeindruckendsten Serien über den islamistischen Terror drehen?
„Als die Asche der verbrannten Toten nach dem Attentat am 11. September auf mein Haus in Brooklyn fiel, war die Zeit noch nicht reif, eine solche Serie zu drehen“, so der Ausführende Produzent und Drehbuchautor Ethan Reiff. „Aber vier Jahre später war es soweit. Zumindest für uns und vielleicht auch für die Zuschauer ist diese Serie eine Katharsis, eine seelische Reinigung. Die Menschen sprechen nicht über die Ereignisse, die zwar in der Presse behandelt, aber nicht ausreichend in der Unterhaltungsindustrie
thematisiert werden“.
Ethan Reiff und Cyrus Voris, das Drehbuchautoren-Duo arbeitet seit 1987 zusammen. Beide waren entsetzt von der comichaften und plakativen Darstellung, mit der die Filmindustrie versuchte, das kollektive amerikanische Trauma zu verarbeiten und die generalisierte Angst vor der Terrorbedrohung zu beschreiben. Sie wollten eine realistische, differenzierte Darstellung, die nicht nur den Kampf gegen islamistische Terroristen, sondern auch den Kampf innerhalb der Gemeinschaft der Muslime
– zwischen Moderaten und Extremisten – berücksichtigt. Die Autoren versuchten, den Milliarden von Muslimen gerecht werden, die hingebungsvoll und friedliebend ihren Glauben praktizieren. Und sie wollten realistisch darlegen, wie Terroristen minutiös einen Anschlag planen. Die Parallele der Rolle des Tommy Emerson zu dem Amerikaner John Philip Walker Lindh, der für die Taliban kämpfte und während der amerikanischen Invasion 2001 in Afghanistan gefangen genommen wurde, ist bewusst hergestellt worden.
Nachdem ihr Konzept von einem großen Privatsender zunächst abgelehnt wurde, zeigte sich der amerikanische Pay-TV-Sender Showtime als idealer Partner, um dieses riskante Projekt zu verwirklichen. Reiff und Voris stellten einen umfangreichen Expertenstab zusammen, von einem ehemaligen FBI-Agenten mit Undercover- und Terrorabwehr-Erfahrung über einen Experten für biochemische Waffen bis hin zu Islam-Experten als Berater und islamischen Drehbuchautoren und Regisseuren. Es waren so viele gläubige Muslime am Set, dass die Dreharbeiten immer wieder für Gebetspausen unterbrochen werden mussten. Zu den Wichtigsten gehörten Kamran Pasha, Drehbuchautor und Produzent, und Michael Desante, der gleichzeitig Darsteller und Berater war. Kamran Pasha: „Ich kenne nicht viele Muslime, die in Hollywood arbeiten, und niemanden, der die Chance erhielt für ein Major Network zu arbeiten.
„'Sleeper Cell' ist Moustapha Akkad gewidmet, dem großen syrischen Regisseur und Produzenten, der in Filmen wie „The Message“ einem westlichen Publikum die Geschichte des Islam näher brachte. Tragischerweise kam er bei einem Bombenattentat in Jordanien ums Leben.“
„Sleeper Cell“ stellt erstmals einen muslimischen Helden in den Mittelpunkt, der noch dazu Afroamerikaner ist. Damit sollte bewusst eine Kontroverse angefacht werden. Afroamerikaner hatten in den 50er-Jahren im Namen der „Nation of Islam“, u.a. mit ihrem berühmten Mitglied Malcolm X, zur Radikalisierung des Islam beigetragen. „Der Islam erhielt vor allem durch Afroamerikaner Popularität in den USA“, so Voris. „Wir fanden es sehr wichtig, dieser Tatsache durch die Herkunft des Helden Rechnung zu tragen.“
„Sleeper Cell“ unternimmt einen ernsthaften Versuch zu erklären, was in der kleinsten terroristischen Einheit an der Basis, der Schläferzelle, wirklich vor sich geht. Die TV-Mini-Serie untersucht nicht die großen internationalen Zusammenhänge, es geht nicht um die Heldentaten von NSA, FBI und CIA. Es geht um die Psyche der „Schläfer“, die lange ein Dasein „im Schatten des Schwertes“ führen, im Geheimen operieren, um dann auf Kommando zuzuschlagen, ohne nachzudenken und ohne Reue zu zeigen.
Die Terroristen verhalten sich nicht eindeutig im Kampf gegen den „großen Satan Amerika“ und sind als komplexe Charaktere angelegt, die den „fernen Feind“ hassen, gleichzeitig aber seine kulturellen Errungenschaften wie HipHop, Bowling, Baseball und den amerikanischen Lifestyle bereitwillig aufnehmen. Und sie nutzen den Fortschritt der westlichen Welt für ihre eigenen Ziele, vor allem das Internet und die neuen Kommunikationstechniken. Am Ende erhalten die terroristischen Fanatiker ein so menschliches Gesicht, dass der Zuschauer Angst bekommt. Angst vor der großen Anziehungskraft der Dschihad-Krieger. Angst davor, dass er einen gewissenlosen Extremisten wie Farik sogar sympathisch finden könnte. Und Angst davor, dass unsere Freunde, Nachbarn und Kollegen ein Doppelleben führen könnten, von dem wir nichts ahnen.